miromente 29

miromente 29  -  September 2012

 

WOLFGANG MÖRTH
Reading Ed Ruscha: Stichwörter

ED RUSCHA
Reading Ed Ruscha

WOLFGANG HERMANN
Im Bild sein, und dann doch nicht

EVA SCHMIDT
Ein amerikanisches Abenteuer

MARJANA GAPONENKO
NUK der Zukunft

GABRIELE BÖSCH
Umgehängt, angesteckt

SARAH RINDERER
Kilometerflackern

DANIELA EGGER
Das Buch der Wandlungen

PETER WAWERZINEK
Als ich den Mund öffnete

EGYD GSTÄTTNER
Mutmaßungen über ein leeres Buch

 

 

LESEPROBE:

Reading Ed Ruscha: Stichwörter

Vorwort von Wolfgang Mörth

Bisher hat keine der miromente-Nummern mit einem Vorwort begonnen. Wir dachten, weniger Platz für Editorisches, mehr für Literatur. Ein paar Mal gab es kleine Randnotizen, links von da, wo Sie gerade am Lesen sind, also dort, wo jetzt die für das Überleben unserer Zeitschrift wesentlichen Fakten aufgelistet stehen. Und mit mehr nichtliterarischen Informationen werden wir unsere Leser auch in Zukunft nicht belästigen.

Diese Ausnahme machen wir aus zwei Gründen: Erstens, weil die Nummer 29 die erste ist, deren Texte ein gemeinsames Thema haben, besser, einem gemeinsamen Impuls folgen, zweitens, weil wir diese Nummer nicht nur an unsere Abonnenten, sondern an einen erweiterten Kreis von potentiell Interessierten verschicken, der vermutlich zum großen Teil die miromente noch nicht kennt.

Zuerst zum Thema: Es lautet Reading Ed Ruscha, also wie der Titel der Sommerausstellung 2012 des Kunsthauses Bregenz. Wir waren uns mit den Ausstellungsmachern sofort einig, dass bei diesem Titel und diesem Künstler eine Zusammenarbeit zwischen KUB und miromente besonders sinnfällig wäre. Als Ed Ruscha sich auf Anfrage des KUB bereit erklärte, uns zu diesem Zweck ein paar seiner Arbeiten zum Abdruck zur Verfügung zu stellen, luden wir Autorinnen und Autoren aus unserem Umfeld ein, auf Ed Ruschas Kunst bzw. auf seine Bregenzer Ausstellung in welcher Form auch immer literarisch zu reagieren. Wir haben nur Schriftsteller gefragt, keine ausgewiesenen Kunstexperten, nur subjektive, impulsive, kritische, wohlwollende, launische und alles in allem natürlich interessierte Kunstbetrachter, das heißt, Ausstellungsbesucher und -besucherinnen wie andere auch. Einer der Angefragten hatte keine Zeit, einer konnte mit dieser Kunst nichts anfangen, das darf man ja ruhig sagen, sonst nahmen alle den Auftrag sofort und gern an.

Ergebnis: Überraschend erzählerisch. Eine Kunst der leeren Bücher provoziert Schreibende offenbar, sie mit Geschichten zu füllen. Oder anders gesagt: Auf ein Gegenüber, das eher wortkarg wirkt, reagiert man mitunter gesprächig. Oder vielleicht ist Ed Ruschas Kunst einfach eine gute Zuhörerin, unaufgeregt, ruhig, eine ideale Stichwortgeberin. Wobei Stichwort gar kein schlechter Begriff ist, wenn ich es mir recht überlege. Taugt als Titel. Was immer Stechen im Zusammenhang mit Wörtern bedeutet. Der Druckgrafiker Ruscha dürfte es wissen. Eine Technik des Hervorhebens vermutlich. Jedenfalls sollte das Gestochene wichtig sein, in Erinnerung bleiben. Wie beim Tätowieren. Nur dass hier kein Blut fließt. Was nicht ganz stimmt. Eines der ganz frühen Bücher Ruschas präsentiert verschiedene Materialproben. Blut ist auch dabei. Blut als ein Element, ordentlich neben andere gestellt. Neben Sperma zum Beispiel. Eine Ordnung, die alle Arbeiten von Ed Ruscha kennzeichnet. Sogar die Bilder, die er zu Jack Karouacs Roman On The Road gefunden hat. Hervor gehobene Gegenstände. Kein illustrierter Drogenrausch, keine wilde Suche nach sexueller Befreiung, sondern da ein Autoersatzteil, dort ein umgefallenes Bierglas. Stichwörter. Schwarz auf Weiß. Und frei gestellt, wie der Grafiker sagt. Was die Autorinnen und Autoren dieser Nummer dazu sagen: Lesen Sie.