miromente 35

miromente 35  -  April 2014

 

MARJANA GAPONENKO
China - Verirrt im Nebel der Jahrtausende

BEA EMSBACH
Haushaut

IRENE DIWIAK
Im Osten

GABRIELE BÖSCH
Spielst du Datschnoje, Umar?

NORBERT MÜLLER
Still

SARAH RINDERER
blick durch den türspalt

WOLFGANG MÖRTH
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LESEPROBE:

China - Verirrt im Nebel der Jahrtausende

von Marjana Gaponenko

 

Nichts Besonderes: auf der Suche nach dem Lebenselixier erfanden chinesische Alchimisten das Schießpulver. Zuerst verwendete man es für Feuerwerk, später, um Menschen im Krieg zu töten. Ein rötlicher Dunst verschleiert das volle Gesicht des Mondes, als ich in der Stadt Nanchang ankomme - Chinesen verballerten am letzten Tag des Winters ihre Monatsgehälter, den Frühling begrüßend, bis zum Morgengrauen. So müssen die Kriege gerochen haben, wenn man den Verwesungsgeruch der Gefallenen nicht berücksichtigt.

 

Nichts Besonderes: eine Frau mittleren Alters im blauen Trainingsanzug läuft durch die mit roten Laternen geschmückten Alleen des Volksparks rückwärts. Den Kopf maximal nach hinten gewandt, schaut sie recht grimmig. Ein relativ großer alter Herr im eleganten Lodenmantel und mit Hut, wandert einen mit Blumen gesäumten Weg und macht dabei befreiend ausbreitende Bewegungen mit den Armen, als würde er eine Arie losschmettern oder an der Türschwelle Gäste willkommen heißen. Eine Art Sport? In demselben Volkspark spielen chinesische Männer der älteren Generation vor einem Holzpavillon Karten. “English corner” verrät ein daran angebrachtes Schild. Auf umgedrehten bunten Plastikeimern sitzend, spielen sie mit verbissenen Gesichtern, bis sie im Dunkel nichts mehr sehen können. Leidenschaft scheint diesen Männern nicht fremd zu sein.

 

Eltern holen ihre Kinder von der Schule ab. Ein süßes Mädchen mit Zöpfen und Rucksack springt mit etwas Anlauf ihrer Großmutter auf den echten und praktischen Buckel. Über die Schulter wird dem Mädchen eine durchsichtige und beschlagene Plastikbox mit Essen gereicht, über die andere Schulter ein Porzellanlöffel. Ältere Kinder essen mit Stäbchen im Laufen. Wenn sie eine Straße überqueren, wird der Deckel zugemacht, damit ihre Nudeln oder ihr Reis nicht kalt werden. Ein Schuljunge wird ohne Abendbrot von seinem Vater, in einem auf dem Rücksitz eines Kinderfahrrads montierten Einkaufskorb, nach Hause gefahren. Seine Beine hängen aus dem Korb wie zwei geknickte Essstäbchen.

 

Auf einer sechsspurigen Straße wird in einem offenen Anhänger ein schmaler Kühlschrank transportiert. Ein Mann umarmt ihn mit einem Arm, mit dem anderen hält er sich fest. Sein Haar flattert im Wind.

 

Nichts Besonderes: Eine Spucksucht ohnegleichen – man spuckt hier auf der Straße, in öffentlichen Gebäuden und Restaurants, jeder spuckt aus, als ginge es um sein Leben: „Jetzt und hier, spuckst du nicht, lebst du einen Monat weniger!” Taxifahrer spucken beim Fahren aus dem Fenster und summen weiter ihre Lieder. Kellner spucken höflich zur Seite, bevor sie einem die Rechnung mit zwei Fingern und einer leichten Verbeugung reichen. Der Koch, ein Riesenkerl, unterhält sich in der im Raum integrierten Küche mit einem der Gäste, lacht mädchenhaft und spuckt mit einem Schrei hinter seine Arbeitsplatte. Ein Küchenjunge bringt dampfende Gerichte und stellt sie auf den Tisch. Seine Nägel an beiden Händen erinnern an Säbel und sind wohl nicht ohne Grund so lang – falls er daneben schneidet, sind sie dran und nicht seine Finger. In die geheimnisvollen Hügel von Essen bohren sich mehrere Stäbchen auf einmal, bevor der Küchenjunge sich umgedreht hat. Auch er spuckt rasch und mit Wucht auf den Boden, während er im überfüllten Lokal zwischen den Tischen zur Küche geht und eine Zigarette anzündet. Wer gespuckt hat, scheint danach zu strahlen, als hätte er eine gute Tat vollbracht.

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