miromente 48

miromente 48 – Juli 2017


SARAH RINDERER
Mutterschrauben

MORITZ HEGER / CHRISTIAN LANG
Lichtgrau


MICHAEL VÖGEL
Im Anfang war das Wort


 

Leseprobe:


Mutterschrauben
Sarah Rinderer

Lena stellt ihren Laptop auf den Tisch zwischen das Blutdruckmessgerät und die aufgeschlagene Zeitung. Bereit?, fragt sie. Über den ins Tischtuch gestickten Blumen liegt eine Plastikdecke.
Ja, alles hergerichtet, meint Christel. Deine Brille, Oma. – Ach ja. Christels Augen wirken größer durch die Brillengläser. Blick mit randloser Fassung. Fahren wir.

Lena klappt den Laptop auf. Die Bahnhofsuhr zeigt Viertel vor Eins. Darüber führt ein Kabel ins Blau der Aufschrift Planá und Mariánských Lázní. Da ist aber viel gemacht worden, Christel beugt sich vor. Als Lena die Ansicht dreht, zunächst nur verwischte Pixel. Dann lädt das Bild.

Stimmengewirr. Mehrstimmiges Schnattern. Bei jedem Schritt das Rascheln der Buchseite an meiner Haut. Hanne ging vor mir, eine kleine Feder im rauen Olivbraun ihres Mantels. Über eine Rampe stieg meine Schwester in den Waggon. Ich drehte mich noch einmal um. Risse, die sich durch den Asphalt des Vorplatzes zogen. Wo einmal das Bahnhofsgebäude war, nur Krater ohne Ankunftszeiten.

Wohin zuerst? Lena fährt mit dem Mauspfeil über den glatten Asphalt. Die Straße entlang, Richtung Zentrum. Christel lacht: Dass es so was gibt. Lena wechselt in der Ansicht auf den Frühling des Vorjahres, dann sind die Farben nicht mehr so kahl.
Letzte Woche hat sie ein Schwarz-Weiß-Bild neben Christels Telefon liegen sehen. In einer Klarsichtfolie. Lena hatte den Papiersack vom Bäcker abgestellt, die Zeitung auf die Ablage gelegt. Darf ich? Zwei Mädchen mit Zöpfen vor einem Gartentor. Büttenrandglück auf vier mal vier Zentimetern. Und stehn’ sie noch davor. Ich hab gestern mit Hannes Sohn telefoniert, hat Christel gesagt. Die Schmerzen seien schlimmer geworden. Sie müsse operiert werden.

Das Schwarz-Weiß war nicht wirklich Schwarz-Weiß. Mehr so Kornseide, alte Spitze und die Erinnerung von Fingern in feuchter Erde.

Wir gruben unsere Hände tief in abgeerntete Kartoffeläcker. Jede Kartoffel, die wir fanden, wurde zu etwas anderem. Ein Brot, rief ich, noch warm. Sah den Mehlstaub schweben, als ich die Erde von der nierenförmigen Knolle wischte. Schau, Christel: Chocolate, rief Hanne und das Knacken unseres Feuers wurde zum silbrigen Knistern von Schokoladenpapier. Mit rauschaligen Fingern legten wir die Kartoffeln in die Glut. Sie schmeckten vergessen und nach rußiger Erde. Später rannten wir nach Hause mit fliegenden Zöpfen und ausgebreiteten Armen. Zuggänse mit Rückenwind. Sangen Heimat, deine Sterne und, dass nach jedem Dezember wieder ein Mai kommt.

Nach jedem Dezember ein Mai –, Christel summt im Takt der Straßenabschnitte. Lena fällt auf, dass die Häuser keine Gärten zur Straße hin haben. Stattdessen gleichmäßig geschnittene Hecken und frisch gestrichene Holzlatten. Zäune: Wellblech, Maschendraht, Doppelstab, Stahl. Früher sei hier noch alles unbebaut gewesen, meint Christel. Ich wär’ gern nochmal hingefahren. Hanne hat das nie verstanden. Sie schließt die Augen und Lena fragt sich, welche Lieder sie selbst später einmal singen wird, wenn ihre Enkelin sie nach ihrer Kindheit fragt.

Statt dem Mai kam Herr Syrový. Die Katze verkroch sich unterm Bett. Auf dem Esstisch war auf einmal nur mehr Platz für einen Teller und Mutter holte das Silberbesteck aus dem Schrank. Seine Sprache passte nicht zu den aufs Tischtuch gestickten Blumen mit all ihren Háčeks und Kroužeks, fand ich, die ihre Spitzen in die Buchstaben drückten, sich als enge Schleifen um unsere Oberarme legten. Durch den Spalt meiner Zimmertür atmete ich den warmen Essensgeruch ein, schaute Herrn Syrový dabei zu, wie er das Fleisch schnitt, die Gabel zum Mund führte. Komm jetzt weg von der Tür, hörte ich Hanne hinter mir flüstern. In ihrer Hand der abgegriffene Umschlag meines Märchenbuchs. Ich schüttelte den Kopf, doch als ich mich wieder umdrehte, plötzlich eine Stimme, die ins Fleisch schnitt: Rychle pryč! Schnell schloss ich die Tür und Hanne las: Es war einmal...

Du hast mir auch immer Märchen erzählt, als ich klein war. Buchstaben mit verschwommenen Rändern auf dem Asphalt. Der Straßenname, der sich beim Fahren mitbewegt. Christel nickt: Beim Bettenmachen, auf dem Weg zum Kindergarten, überall wolltest du sie hören. Nur wehe, ich hab mal eine Kleinigkeit vergessen. Lena fährt mit dem Finger über das glatte Plastik der Tischdecke, spürt die leichten Hebungen und Senkungen der Stickereien darunter. Aber, Oma, das Taschentuch der Gänsemagd ist doch keine Kleinigkeit. Christel lacht: Dass du das noch weißt.

Habt ihr eigentlich auch Tschechisch gesprochen? – Ein wenig, sagt Christel, ich weiß nur noch ein paar Worte. Rychle pryč zum Beispiel. Schnell weg, hat der Herr Syrový immer gesagt. Und dobry. Dobre rano. Dobry den. Dobry vecer.

Lena stellt sich vor, wie das ist, wenn man auf die geziegelten Worte eines Sockels, das Erdgeschoss einer anderen Sprache baut. Leicht nach oben versetzt. Eins, zwei, drei Stufen sind es, bis zur Haustür. Sie dreht die Ansicht wieder nach vorne, klickt. Dobry, das heißt gut, sagt Christel.

Vater hatte Zigarettenpackungen mit abgeschlagenen Ecken aus Italien geschickt. In einem Korb trugen Hanne und ich sie zum Bauern. Ich löste die Schleife von meinem Arm, sollte der Syrový doch wieder schimpfen. Vorher haben wir die auch nicht gebraucht. Hanne behielt ihre an. Das verstehst du noch nicht. Schweigend gingen wir weiter. Die Weite leerer Zuckerrübenfelder zwischen uns.

Der Bauer lehnte die Mistgabel gegen die Stallwand. Die nasse Stelle auf dem Rücken seines Arbeitshemds wie die großen Fettflecken auf dem Paket, das er uns gab.

Auf dem Heimweg kamen uns zwei Mädchen entgegen. Ihr Kichern: eng geflochten und hochgesteckt. Auf ihren Rücken Schultaschen mit glänzenden Schnallen. Tschechinnen, flüsterte ich und Hanne schob mich vom Gehsteig auf die Straße, um ihnen Platz zu machen.

(...)