miromente 54

miromente 54 – Dezember 2018


TIMO BRANDT
Kellnerin im Stammbistro

OLIVIA WEISS
Das Missverständnis

AMOS POSTNER
Ende August

ULRICH BEIL
Shopping Mall

INGRID PUGANIGG
Mizzi, meine Mizzi

MICHAEL MOSER
Der entfestigte Bereich 

MERCEDES SPANNAGEL
Haare

WOLFGANG HERMANN
Haus am Stein

 

Leseprobe:

Ende August
Amos Postner

Mein Schulfreund Peter ist vor vier Wochen Arzt geworden. Das hat er mir vorgestern geschrieben, davor hatten wir jahrelang keinen Kontakt, nicht einmal zum Geburtstag haben wir einander gratuliert. Nur dass er mit knapp sechsundzwanzig Jahren als Arzt in der kleinen österreichischen Provinzstadt Bludenz praktiziert, sollte ich wissen, mehr nicht. Ich habe es zur Kenntnis genommen, ihm mit knappen Worten gratuliert und auf die Frage, ob wir uns diesen Sommer sehen werden, noch knapper mit »Ja« geantwortet. Ja, wir sehen uns Ende August.

Ich möchte Peter nicht sehen. Das weiß ich seit zwei Nächten, seit er mich auf Facebook angeschrieben hat, angeblich der alten Zeiten wegen, aber eigentlich zielte seine Nachricht auf etwas anderes, das wir im Alter von sechzehn Jahren »Schwanzvergleich« nannten und das wir jederzeit, besonders aber betrunken in den wenigen Provinzdiskotheken, zu denen wir Zutritt hatten, einfordern durften. Dann ging es darum herauszufinden, wer von uns beiden in einer Nacht mehr Mädchen aufreißen oder wer mehr Bier trinken konnte oder wem zuerst das Geld ausging. Ich habe in Peters Gegenwart häufig in österreichischen Provinzdiskotheken herumgeknutscht, vielleicht etwas öfter als er. Ein halbes Jahr lang führten wir Liste.

Ich denke ungern an diese Zeit zurück, aber etwas nötigt mich dazu. Es ist die dritte Nacht in Folge, in der ich nicht schlafen kann und mit dem Gedanken ringe, Peter mit einer vagen Ausrede abzusagen. Ich könnte ihm sagen, ich hätte viele Unternehmungen geplant (was stimmt) und besonders für Ende August (was nicht ganz der Wahrheit entspricht), aber vielmehr frage ich mich, weshalb mir ein Treffen mit ihm solche Schwierigkeiten bereitet. Er sieht auf seinen aktuellen Facebook-Fotos anders aus als früher, er trägt jetzt eine Hornbrille, die ihm gut steht, und sein Lächeln ist um einen Deut weniger selbstgefällig. Ich möchte glauben, dass er sich verändert hat, aber etwas in mir sträubt sich dagegen, den Fotos zu trauen.

Ich wünsche mir, behaupten zu können, mein Widerwille habe nur mit seiner Nachricht zu tun, mit der Auskunft »Hey, ich bin jetzt Arzt – sehen wir uns im Sommer?«, aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Ich liege wach in meinem vorübergehend untergemieteten WG-Zimmer im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf, es ist heiß, draußen vor dem offenen Fenster geht trotz der späten Uhrzeit noch immer Verkehr, ein Nachtbus braust vorbei, und ich frage mich einmal mehr, was ich hier zu suchen habe, was ich meinerseits im Alter von fünfundzwanzig Jahren, fünf Monaten und sechzehn Tagen vorweisen kann. Es schnürt mir den Hals zu, nicht so sehr, weil ich Abscheu davor habe, mein Leben mit Peters zu vergleichen, sondern weil ich diesen Vergleich auf der Skala, die wir im Alter von sechzehn Jahren für uns festgelegt haben, verlieren werde.

Ich fahre mir übers schweißnasse Gesicht. Durch das Fenster dringt das Licht einer Straßenlaterne herein, Sebastian, der mir sein Zimmer für das Austauschsemester unterver- mietet hat, hat weder ein Rollo noch Fensterläden anbringen lassen. Es wird hier weder leise noch dunkel, auch nicht nachts. Ich habe das Gefühl, ich schlafe hier in einer Lärm- und Lichtglocke, ich ertrage es nicht, die Straße vorm Fenster, das Knarzen der Dielen im Gang, die Geräusche aus den Nebenzimmern. Mein Handy blinkt immer noch von Peters letzter Nachricht, die ich mich zu lesen weigere.

...