miromente 58

Erst zum dritten Mal in nunmehr bald 15 Jahren miromente, ist eine Ausgabe nur einem Autor gewidmet. Einzigartig ist diese Nummer insofern, als der in Dornbirn geborene und seit langem in Wien lebende Christian Zillner nicht nur schreibt, sondern auch malt, weshalb sowohl die hier abgedruckten Texte als auch die hier gezeigten Bilder aus einer Hand stammen. Wobei der Autor Zillner nicht nur Lyriker ist, – aufmerksamen Lesern und Leserinnen der miromente dürften seine Gedichte schon aufgefallen sein –­, sondern auch Essayist, und zwar einer mit klarer, mitunter von einer politischen Tatsache empörter oder von einer poetischen Erkenntnis bewegter, dabei jedoch immer nach einer wahrhaftigen Aussage suchenden Stimme.
Die Gedichte in dieser Nummer sind mit Heimatkunde I bis IV betitelt und ergeben zusammen genommen eine Art lyrische Reise, die von Vorarlberg über Salzburg, Niederösterreich, Wien und über Wien hinaus führt. Und wie schon in seinem achtbändigen „Nationalepos in Versen“ Spiegelfeld, sind auch auf dieser Raumzeitreise Personen, Orte und Ereignisse zu einem sinnlichen-schrägen, subjektiv-subversiven Österreichbild verarbeitet.
In seinem Nachwort würdigt der Romancier, Essayist und Herausgeber Walter Grond den Autor, Maler und Mensch Christian Zillner auf sehr sachkundige und persönliche Art. Deshalb muss und soll an dieser Stelle nicht mehr viel über ihn gesagt werden. Nur eines vielleicht: Zillner ist keiner, der sich selbst zu einem Werk zwingt oder dazu von irgend einem Markt gezwungen werden will. So gesehen ist er ein wirklich freier Künstler. Als solcher zählt er sich zu den „verkehrten Indianern“, wie er in seinem Essay Keine Konfession schreibt, das sie in dieser Ausgabe finden. Diese im Zusammenhang mit den nordamerikanischen „Prärie-Stämmen“ überlieferten Kämpfertypen verhielten sich seltsam „gegensätzlich“, denn sie rannten im Krieg „zunächst davon und kehrten erst dann aufs Schlachtfeld zum Angriff zurück, wenn ihre eigenen Leute zu fliehen begannen.“ 

Wolfgang Mörth

miromente 58 – Jänner 2020


CHRISTIAN ZILLNER

 

Was, Poesie?

Landschaften auf altem Papier

Malerei

Heimatkunde II

Keine Konfession

Heimatkunde II

Wozu Verse?

Heimatkunde III

Utopie - reif für die Insel

Heimatkunde IV

Kunst

Befreiung von der Natur

Dunkle Materie

WALTER GROND

Die überfüllten Leerstellen

 


Leseprobe:

Was, Poesie?
Christian Zillner

Gedichte allein sind es nicht. Doch ganz ohne Poesie kann niemand leben. Wer liest schon Gedichte, geschweige schreibt welche? Die meisten von uns, sogar die Dichter selbst, finden Gedichte so unerträglich wie die Geschenke am Muttertag.
Wäre Poesie allein in Gedichten gefangen, sähen wir arm aus. Das Leben wäre ein einziger, aufreibender Börsentag. Geld macht Poesie überflüssig. Wer braucht eine „Seele“, wenn schon der Parkplatz eines Supermarktes die Erfüllung aller Wünsche verspricht? Allerdings kann Geld Poesie nicht ersetzen. Es weckt nur mehr Wünsche. Poesie hingegen ist die Abwesenheit aller Wünsche. Ein Zustand, in dem man nichts will, geschweige denn wünscht – und nicht einmal, dass es dauert. Das Poetische in uns ist wie das Peyotische wunschlos. Ein spielendes Kind.
Darum können die meisten Menschen von ihrer Kindheit stundenlang erzählen, für ihr Erwachsenenalter reichen dann fünf Minuten. Nur Entwachsene aus Vernichtungslagern oder Katastrophen sind die Ausnahme. Auch deshalb, weil sie sich in einem ständigen poetischen Zustand befunden haben. Herausgehoben aus dem gewöhnlichen Leben – einfach unerträglich.
Es ist nicht der Sonnenaufgang über den Bergen oder ihr Versinken im glühenden Meer. Es ist nicht die Schönheit eines Menschen oder die Scheu eines Tieres. Es ist nicht der tobende Himmel oderdie stille Wüste des Eises. Kein roter Mond, kein weißer Strand, kein Schatten beim kühlen Brunnen. Kein Lichtfleck im dunklen Wald. Nichts davon ist Poesie. Nur der Augenblick, in dem sich dein Herz plötzlich zusammenpresst – gerade auch zum letzten Mal. Die restliche Zeit unseres Lebens bringen wir damit zu, Poesie mit Neugier und Wünschen zu verwechseln. Cash your dreams, sangen die Stones. Dafür haben sie Bankschließfächer bekommen. Poesie hat darin keinen Platz. Sie überwältigt dich mit dem Anderen.