miromente 69

In dieser Nummer verschaffen wir drei ganz unterschiedlichen lyrischen Stimmen Gehör. Es eröffnet Klara Bleier, die zwar zum ersten Mal mit Gedichten in Erscheinung tritt, dies aber in einer derart reifen und stilsicheren Form tut, dass es im Grunde unnötig wäre, darauf hinzuweisen. Die aus Innsbruck stammende Siljarosa Schletterer hat Anfang des heurigen Jahres ihren ersten Lyrikband azur ton nähe veröffentlicht. Sie hat uns einige Gedichte aus diesem Band und zudem eine Serie von neuen, bisher unveröffentlichten Gedichten zum Abdruck überlassen. Niemanden wird es angesichts der Qualität ihrer Arbeit wundern, dass sie dafür im vergangenen Jahr mit dem großen Literaturstipendium des Landes Tirol ausgezeichnet wurde. Ebenfalls neue Texte gibt es vom mehrfach preisgekrönten deutschen Lyriker Mikael Vogel zu lesen. Unter dem Titel Herzensbrecherinnen veröffentlichen wir drei Gedichte, die auf kraftvolle Art so unterschiedliche Einflusssphären wie Lana Del Rey und Hölderlin wirken lassen. Ebenfalls einen Blick in ihre Werkstatt lässt uns die Liechtensteiner Autorin Sabine Bockmühl werfen. Die drei Ausschnitte aus ihrem in Entstehung begriffenen Roman Neuer Kontinent gewähren einen eindrucksvollen Blick in die von ihr imaginierte Welt einer nahen Zukunft. Daniela Eggers zweiteilige Prosaminiatur Disgrace Grace versetzt uns in die Situation eines in Seenot geratenen Sklavenschiffs im 18. Jahrhundert und gibt eine emotional stichhaltige Antwort auf die Frage nach der Entstehung eines der berühmtesten Gospelsongs der Welt.
Die bildnerischen Arbeiten stammen von der Wiener Künstlerin Nathalie Neumaier. Da ihr Zugang geprägt ist von der Auseinandersetzung mit Literatur im Allgemeinen und mit Schrift und Schriftzeichen im Besonderen, passt ihre Arbeit naturgemäß gut in eine Zeitschrift wie diese. Andreas Spiegl schreibt über ihre Zeichnungen: „Was für eine phonetische Schrift gehalten werden mag, (…) wird rückübersetzt in Spuren eines Vorzeichens, einer Ankündigung von Schrift“ und „kratzt grafisch an den Erscheinungsbildern von Bedeutung.“
Wir wünschen anregende Erkenntnisse bei der Lektüre und Betrachtung dieser Nummer.
Wolfgang Mörth

miromente 69 – Oktober 2022

 

 

NATHALIE NEUMAIER
Schreiblied | viola volando

KLARA BLEIBER
Jahre, Zeit

SILJAROSA SCHLETTERER
neue gedichte

DANIELA EGGER
Disgrace Grace

MIKAEL VOGEL
Herzensbrecherinnen

SABINE BOCKMÜHL
Nach Westen

SILJAROSA SCHLETTERER
azur ton nähe

 

 

Leseprobe:

Nach Westen
(Ausschnitt aus dem Roman Neuer Kontinent)

von Sabine Bockmühl

  Westen I
Du musst wieder mal nach draußen, sagt Lura, du bist bleich und mürrisch. Zelis sitzt wie gewöhnlich in ihrer Ecke und blickt aus dem Fenster. Sie betrachtet den Himmel und trinkt Tee, den Lura aufgegossen hat. In kleinen Schlucken, als wäre er etwas Fremdes, an das sich ihr Körper erst gewöhnen muss. Sie werden heute kommen, sagt Zelis und hält sich an der Tasse. Lura hat extra die Tasse ohne Sprung genommen, die blaue mit den weißen Punkten, die Lieblingstasse. Es blüht alles, sagt Lura und nimmt ihre Beuteltasche. Sie werden heute kommen, sagt Zelis wieder und trinkt einen Schluck, wir sind schon so lange eingeschlossen, sie müssen heute einfach kommen. Es ist einer jener Morgen, an denen Lura es kaum schafft, Zelis anzusehen, ohne in Zorn zu geraten. Sie will diesen Zorn nicht und auch nicht den Anblick von Zelis’ Zerfall. Die graue Pergamenthaut, der glasige Blick. Wahrscheinlich ist sie irgendwie wahnsinnig geworden, Depressionen hätte man das früher genannt. Nichts bringt sie aus ihrer Ecke, außer wenn sie zum Klo muss. Oder Lura sie an den Esstisch befiehlt. Oder sie ins Bett legt. Dabei ist Zelis früher die Starke gewesen, an die sie sich hat anlehnen können, die ihr zahlreiche Vergnügungen beigebracht hat, damals, in ihrem weichen und großen Bett. Aber, seit die große Anarchie hereingebrochen ist und ihr Leben ein Trümmerhaufen, hat Zelis ihr Selbst verloren. Dass Lura bei ihr bleibt, ist einzig ihren Augen zu verdanken, die in manchen Momenten, wenn sich ihr Blick im fernen Himmel verliert, diese unfassbare Schönheit zeigen. Aber Luras Durchhaltewillen wird täglich schwächer, sie würde Zelis an einem nicht allzu fernen Tag überhaupt nicht mehr begehren. Warum stehst du so da?, fragt Zelis, heute wacher als sonst. Ich denke an früher, sagt Lura, und an heute. Oh, sagt Zelis und blickt an ihr vorbei, geh du nur, sagt sie, ich komme zurecht. Lura verlässt ihre Bleibe und schiebt die Tür zu. Sie läuft die Treppen hinunter, von Etage 23 bis 15 hat sie den Schutt und die Glasscherben im Treppenhaus weggeräumt und aus den Fenstern geschüttet, die keine Fenster mehr sind, sondern nur noch Maueraussparungen.
Etage 14 bis 1 sind schlecht begehbar, sie kennt jedoch jeden Tritt auswendig, den sie zwischen Mauerbruchstücke und Eisengestänge setzt. An manchen Stellen wachsen Taubnessel und Hungerblümchen aus den Ritzen, oder Moos, runde Kissen voller Feuchtigkeit, die sie beim Vorbeigehen streichelt. Wohnung Nummer 3 auf Etage 5 ist ihr Vorratslager, dort gibt es ein Zimmer, das noch Fensterscheiben hat und trocken bleibt. Kein Schimmel, kein schlechter Geruch. Sie spiegelt sich in einer Fensterscheibe. Dünn, sehnig. Bei 23 Stockwerken und einem Dachgeschoss, bei den vielen hungrigen Kilometern auf Abstauber-Tour kein Wunder. Sie denkt nur noch selten an das Fitnesscenter, in dem sie sich abgemüht hat mit ihren vermeintlichen Pfunden. Heute wäre sie froh, ein Reservepolster auf den Hüften zu haben. Im letzten Winter hätte sie beinahe eine Bronchitis nicht überlebt. Sie betritt die sogenannte Straße, die jetzt voller Schuttberge ist. Ihr Wohnblock ragt daraus hervor wie ein Signal. Aber wofür? Sie blickt an der fleckigen Fassade hoch, der Putz ist großflächig abgesprungen. Auf dem Dach kann sie das Grün sehen. Es wächst tatsächlich, denkt Lura und weiß nicht, ob sie lächelt, so seltsam fühlt sich ihr Gesicht gerade an. Sie mit ihrer schlechten Biologie-Note damals in der Schule, auf einem anderen Planeten. Heute will sie ins Nord- viertel gehen, was zwei Stunden Fußmarsch bedeutet. Niemand wird ihr begegnen. Obwohl sie inständig hofft, es wäre anders, und sich gleichzeitig genau davor fürchtet. Wäre Zelis nicht auf sie angewiesen, wäre sie längst fort. An manchen klaren Abenden hat sie vom Dachgarten aus Lichter gesehen, die knapp über dem westlichen Horizont wie Träume aufgeblitzt sind. Im Schatten einer Ruine findet sie Löwenzahn, eine ganze Menge. Beim Rückweg wird sie ihn ernten. Lura läuft. Die Sonne brennt heute weniger als sonst. Sie trägt einen alten Strohhut und darunter ein verblichenes Tuch, das ihr über die Schultern fällt. Sie summt ein Lied, ... in the town, where I was born ... aber da lebt niemand mehr. Auch Zelis ist bereits tot. Es ist so still. Da dreht Lura sich um, geht zu ihrer Wohneinheit zurück, stolpert so leise wie möglich die Treppen hinauf zu Etage 5 und packt alles, was ihr nötig erscheint, in ihren Beutel. Auch einen Totschläger, den sie damals dem Typen aus der Hand genommen hat, der sie hat erschlagen wollen und nicht damit gerechnet hat, dass sie sich wehrt. Sie hört nichts, als sie wieder nach unten geht. Der Morgen ist jung. Von der Straße aus sieht sie Zelis, die am Fenster steht und hinunter schaut. Aber Lura dreht sich um und läuft. Läuft. Nach Westen.

(...)